KI-Agenten und Agentic AI: Grundlagen, Einsatzmöglichkeiten und Governance

KI-Agenten verändern die Rolle Künstlicher Intelligenz in Unternehmen und Behörden. Generative KI erzeugt auf Anfrage Texte, Bilder, Code oder Analysen. KI-Assistenten erschließen zusätzlich Fachwissen und unterstützen Menschen bei konkreten Aufgaben. KI-Agenten gehen weiter: Sie verfolgen Ziele, planen Arbeitsschritte, nutzen Werkzeuge und können Aktionen in digitalen Systemen ausführen.

Damit verschiebt sich der Schwerpunkt von der Antwort zur Handlung. Der wirtschaftliche Nutzen von KI entsteht zunehmend dort, wo sie mit Daten, Anwendungen und realen Prozessen verbunden wird. Zugleich steigen die Anforderungen an Integration, Sicherheit und Governance. Denn ein System, das handeln darf, braucht klarere Grenzen als eines, das ausschließlich Vorschläge formuliert.

Wie funktionieren KI-Agenten?

Die Arbeitsweise lässt sich vereinfacht als wiederkehrender Kreislauf darstellen:

Wahrnehmen → Ziel und Kontext verstehen → planen → handeln → Ergebnis prüfen → nächsten Schritt bestimmen

Ein Agent bekommt beispielsweise den Auftrag, einen eingehenden Vorgang zu bearbeiten. Zunächst analysiert er die vorhandenen Informationen. Anschließend ermittelt er, welche Daten fehlen und welche Systeme benötigt werden. Er ruft die Informationen ab, führt Prüfungen durch und bewertet die Ergebnisse. Abhängig davon setzt er den Prozess fort, fordert Informationen nach oder bindet einen Menschen ein.

Technisch benötigt ein solches System mehrere Ebenen.

Die Benutzer- und Anwendungsschnittstelle

Menschen oder andere Softwaresysteme übergeben Ziele und Aufträge. Das kann über Chat und Sprache, eine Benutzeroberfläche oder direkt über eine API erfolgen.

Der Agent

Der Agent besitzt eine Rolle, einen definierten Aufgabenbereich und Entscheidungslogik. Häufig nutzt er ein Large Language Model, um Sprache, Kontext und komplexe Aufgaben zu verarbeiten.

Die Orchestrierung

Eine Orchestrierungsinstanz koordiniert Arbeitsschritte, Zustände und gegebenenfalls mehrere Agenten. Sie sorgt dafür, dass Ergebnisse weitergegeben, Aufgaben verteilt und Eskalationen ausgelöst werden.

Die Integration

Über Schnittstellen erhält der Agent Zugang zur bestehenden IT: Datenbanken, Dokumentenmanagement, CRM, ERP, Fachverfahren, Service-Management-Systeme oder Cloud-Dienste.

Die technische und organisatorische Basis

Dazu gehören Modelle, Datenplattformen, Cloud- oder On-Premises-Infrastruktur, Identity and Access Management, Monitoring, Security und Governance.

Eine solche Schichtenlogik findet sich beispielsweise auch in Maternas MATTER-Ansatz für agentische Anwendungen. Dort werden Experience, Agent, Orchestration, Integration und Foundation als zusammenhängende Architektur betrachtet.

Zu den typischen technologischen Bausteinen gehören außerdem Retrieval Augmented Generation (RAG), Vektordatenbanken, Memory-Mechanismen, Workflow-Engines sowie Planning- und Reasoning-Komponenten.

Wie lassen sich KI-Agenten sicher in bestehende IT-Systeme integrieren?

Die Integration entscheidet häufig stärker über den produktiven Erfolg als die Auswahl des KI-Modells.

Ein Agent benötigt Zugang zu Daten und Anwendungen, um handeln zu können. Gleichzeitig sollte dieser Zugang so eng wie möglich begrenzt bleiben.

Dafür sind mehrere Architekturprinzipien relevant.

Klare Schnittstellen

Agenten sollten über kontrollierte APIs und klar definierte Services mit der bestehenden IT kommunizieren. Modulare Microservices sind leichter zu prüfen und auszutauschen als monolithische Agenten mit umfassenden Systemrechten. Dieses Muster wird beispielsweise bei agentischen Verwaltungsanwendungen eingesetzt.

Eigene digitale Identitäten

Jeder produktive Agent sollte eindeutig identifizierbar sein.

Damit lässt sich nachvollziehen, welcher Agent welche Aktion ausgeführt hat. Zugleich können individuelle Berechtigungen vergeben und bei Bedarf gezielt entzogen werden.

Least Privilege

Ein Agent erhält ausschließlich die Rechte, die er für seine Aufgabe benötigt.

Ein Rechercheagent braucht keinen Schreibzugriff auf Stammdaten. Ein Dokumentationsagent muss keine Zahlung auslösen können. Der Handlungsspielraum folgt der Aufgabe.

Sandboxing

Besonders sensible oder experimentelle Aktionen können in isolierten Umgebungen ausgeführt werden. Ein Fehler bleibt dadurch technisch stärker eingegrenzt.

Dieses Prinzip findet sich bereits in Multi-Agenten-Architekturen, bei denen einzelne Subagenten in separaten Containern laufen.

Human-in-the-Loop

Folgenreiche Aktionen können an menschliche Freigaben gebunden werden.

Wie eng die Kontrolle ausfällt, hängt vom Risiko ab. Reversible Standardaktionen benötigen weniger Aufsicht als Zahlungen, Änderungen an kritischen Systemen oder rechtlich relevante Entscheidungen.

Logging und Observability

Es sollte jederzeit nachvollziehbar sein:

welcher Agent aktiv war, welches Ziel er erhielt, auf welche Daten er zugriff, welche Tools er verwendete, welche anderen Agenten beteiligt waren und welche Aktionen daraus entstanden.

Kontrollierte Betriebsmodelle

Abhängig vom Schutzbedarf können Public Cloud, souveräne Cloud, hybride Architekturen oder On-Premises-Betrieb sinnvoll sein.

Souveränität bedeutet dabei keine pauschale Entscheidung gegen Cloud-Dienste. Entscheidend sind Datenhoheit, technologische Wahlfreiheit, operative Kontrolle und die Möglichkeit, Governance-Anforderungen durchzusetzen. Das MATTER-Dossier unterscheidet entsprechend zwischen technologischer, operativer, Daten- und Governance-Souveränität.

Wie führt man KI-Agenten im Unternehmen ein?

Eine erfolgreiche Einführung beginnt mit dem Prozess und erst danach mit der Technologie.

Ein erster Anwendungsfall sollte überschaubar, wirtschaftlich relevant und messbar sein.

Günstige Voraussetzungen sind:

  • ein erkennbares Bearbeitungsvolumen,
  • wiederkehrende Aufgaben,
  • digital verfügbare Daten,
  • definierbare Systemzugriffe,
  • nachvollziehbare Qualitätskriterien.

Organisationen müssen beschreiben, was der Agent erreichen soll und was außerhalb seines Auftrags liegt.

Dazu gehören auch Eskalationsregeln und Bedingungen, unter denen ein Mensch übernehmen muss.

Welche Informationen werden benötigt? Wo liegen sie? Wie zuverlässig sind sie? Welche Schnittstellen existieren bereits?

Gerade in historisch gewachsenen IT-Landschaften ist diese Bestandsaufnahme wesentlich.

Ein Projekt muss nicht mit vollständiger Automatisierung beginnen.

In vielen Fällen bietet sich eine Entwicklung von Assistenz über einzelne freigegebene Aktionen bis zu teilautonomen Abläufen an.

Auch das MATTER-Reifegradmodell folgt einer solchen Logik: von klassischer und KI-unterstützter Delivery über integrierte KI bis zu agentischen Anwendungen und Agentic Ecosystems. Entscheidend ist ausdrücklich nicht, für jedes Projekt den höchsten Reifegrad anzustreben.

Ein Multi-Agent-System muss nicht mit zehn oder zwanzig Komponenten beginnen.

Für einen Pilot können zwei oder drei spezialisierte Agenten ausreichen. Nach Tests und fachlicher Freigabe lässt sich die Architektur iterativ erweitern. Auch die vorliegenden Versicherungskonzepte empfehlen ein solches schrittweises Vorgehen.

Relevante Kennzahlen können Bearbeitungszeit, Automatisierungsquote, Fehlerquote, Eskalationsrate, Kosten pro Vorgang oder Servicequalität sein.

Ebenso wichtig sind qualitative Kriterien: Sind Entscheidungen nachvollziehbar? Akzeptieren Fachkräfte die Ergebnisse? Lassen sich Fehler schnell erkennen und korrigieren?

Mit dem Pilot endet die Aufgabe keineswegs.

Produktive Agenten benötigen Verantwortlichkeiten, Versionierung, Monitoring, regelmäßige Rechteprüfung und einen geregelten Lifecycle.

Zukunft von KI-Agenten

Die Entwicklung dürfte in zwei Richtungen verlaufen: mehr Spezialisierung und weniger sichtbare KI.

Heute wird KI meist über eine eigene Oberfläche aufgerufen. Nutzer öffnen einen Chat, formulieren einen Prompt und warten auf eine Antwort.

Künftig können Agenten stärker im Hintergrund arbeiten. Sie reagieren auf Ereignisse, prüfen Eingänge, koordinieren Systeme, priorisieren Aufgaben und starten Prozesse, ohne dass für jeden Schritt ein Mensch einen Prompt formuliert.

Damit verändert sich auch die Rolle klassischer Benutzeroberflächen. Mitarbeitende müssen sich womöglich seltener durch einzelne Anwendungen bewegen. Sie formulieren ein Ziel, während ein Agent Informationen aus mehreren Systemen zusammenführt.

Parallel entstehen stärker vernetzte Agentenökosysteme. Spezialisierte Agenten verschiedener Anbieter oder Organisationen könnten miteinander kommunizieren und Aufgaben über Systemgrenzen hinweg koordinieren. Standards für Agent-to-Agent-Kommunikation und Werkzeugzugriffe gewinnen deshalb an Bedeutung. Die Materna-Unterlagen beschreiben diese Entwicklung bereits als Weg hin zu „Agentic Ecosystems“, in denen mehrere Agenten End-to-End-Prozesse bearbeiten und Menschen vor allem Governance und Qualitätskontrolle übernehmen.

Eine weitere Zukunftsfrage betrifft digitale Souveränität. Wenn Agenten Entscheidungen vorbereiten und zunehmend selbst ausführen, reicht Kontrolle über Daten und Infrastruktur allein nicht mehr aus. Organisationen müssen auch verstehen und steuern können, welche maschinelle Entscheidungslogik ihre Prozesse prägt. In den aktuellen strategischen Überlegungen wird diese Erweiterung bereits als „Cognitive Sovereignty“ diskutiert.

Damit dürfte eine paradoxe Entwicklung entstehen: Je leistungsfähiger und unsichtbarer KI-Agenten werden, desto sichtbarer müssen ihre Governance und Verantwortlichkeiten werden.

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FAQ

Ein KI-Agent ist ein Softwaresystem, das ein Ziel erhält und selbstständig Arbeitsschritte ausführen kann, um dieses Ziel zu erreichen. Dazu kann es Informationen beschaffen, Werkzeuge einsetzen und andere Anwendungen ansprechen.

Agentic AI bezeichnet KI-Systeme, die stärker eigenständig und zielorientiert handeln. Sie reagieren nicht ausschließlich auf einzelne Prompts, sondern können Aufgaben planen und über mehrere Schritte weiterführen.

Ein Assistent stellt Informationen oder Empfehlungen bereit und unterstützt den Menschen. Ein Agent kann zusätzlich selbst Aktionen ausführen und einen Prozess weiterführen.

Ein reines Chat-System ist zunächst ein generatives KI-System beziehungsweise Assistent. Werden ihm Werkzeuge, Berechtigungen, Memory und die Möglichkeit gegeben, Aufgaben über mehrere Schritte selbstständig auszuführen, kann es Teil eines agentischen Systems werden.

Nein. Es gibt unterschiedliche Autonomiegrade. Viele Enterprise-Anwendungen arbeiten mit Human-in-the-Loop oder Human-on-the-Loop.

Dabei arbeiten mehrere spezialisierte KI-Agenten zusammen. Jeder übernimmt einen bestimmten Aufgabenbereich; eine Orchestrierung koordiniert ihre Arbeit.

Ja. In Multi-Agenten-Systemen können Agenten Aufgaben untereinander weitergeben oder spezialisierte Agenten aufrufen. Dafür entstehen standardisierte Agent-to-Agent-Protokolle.

Meist ergänzen sie diese. Regelbasierte Workflows bleiben für stabile, eindeutige Abläufe sehr effizient. Agenten bieten zusätzliche Flexibilität bei komplexen und variablen Aufgaben.

Nein. Agenten existieren als Konzept bereits deutlich länger als Large Language Models. Moderne agentische Enterprise-Systeme nutzen allerdings häufig LLMs für Sprache, Planung und Kontextverständnis.

Nur diejenigen, die für ihre Aufgabe erforderlich sind. Dazu können Unternehmensdatenbanken, Dokumente, Fachverfahren, CRM- oder ERP-Systeme und externe Datenquellen gehören.

Ja, sofern sich die benötigten Funktionen und Daten über geeignete Schnittstellen erschließen lassen. Gerade die Integration historisch gewachsener Anwendungen ist ein wichtiges Einsatzfeld.

Ja. Abhängig von Modellen und Architektur können Agenten vollständig im eigenen Rechenzentrum betrieben werden. Andere Anwendungen nutzen Public Cloud, souveräne Cloud oder hybride Architekturen.

Durch begrenzte Berechtigungen, kontrollierte Tools, technische Identitäten, Sandboxing, Freigaberegeln, Monitoring und Abschaltmöglichkeiten.

Ein Agent übernimmt keine organisatorische Verantwortung. Unternehmen und Behörden müssen Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten für Entwicklung, Betrieb und Nutzung klar regeln. Die konkrete rechtliche Bewertung hängt vom jeweiligen Anwendungsfall ab.

Ein Agent kann unter den AI Act fallen, sofern er die Definition eines KI-Systems erfüllt. Entscheidend für die Anforderungen sind der konkrete Einsatz und die damit verbundene Risikoklasse. „Agentic AI“ bildet keine eigene Kategorie des AI Acts.

Am besten mit einem klar abgegrenzten, messbaren Anwendungsfall. Ziel, Datenzugriff, Berechtigungen, menschliche Kontrollpunkte und Erfolgskriterien sollten vor der technischen Umsetzung feststehen.

Nein. Sie sind sinnvoll, wenn Aufgaben sinnvoll auf unterschiedliche Rollen verteilt werden können. Für kleine und klare Anwendungsfälle ist ein einzelner Agent oft wirtschaftlicher und leichter kontrollierbar.

In Unternehmen ist es häufig weniger das KI-Modell als die kontrollierte Integration in Daten, Prozesse und bestehende IT. Hinzu kommen Governance, Sicherheit, Verantwortlichkeiten und der richtige Autonomiegrad.

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