03.11.2026
Blog
Think ahead

Digitaler Produktpass: Wie Unternehmen ihre Produktdatenstrategien neu denken müssen

Der digitale Produktpass (Digital Product Passport, DPP) wird zu einem zentralen Baustein der europäischen Nachhaltigkeits- und Digitalisierungsstrategie. Ab 2027 greifen erste verbindliche Anforderungen für bestimmte Batterien, weitere Produktgruppen wie Textilien, Stahl und Aluminium sollen folgen. Für Unternehmen geht es dabei um mehr als Compliance: Sie müssen Produktinformationen aus unterschiedlichen IT-Systemen und entlang ihrer Lieferketten verfügbar machen. Damit rücken Datenqualität, Integration und Governance in den Mittelpunkt.

Sascha Rentzing
Head of Corporate Communications & Content Marketing

Key Takeaways

  • Neue Pflichten: Der digitale Produktpass wird schrittweise für verschiedene Produktgruppen verpflichtend.

  • Strategische Bedeutung: Produktdaten werden zum wichtigen Faktor für Nachhaltigkeit, Effizienz und neue Geschäftsmodelle.

  • Technische Herausforderung: Informationen liegen häufig verteilt in ERP-, PLM-, PIM- und Lieferantensystemen.

  • Handlungsbedarf: Wer Daten frühzeitig konsolidiert, schafft regulatorische Sicherheit und neue digitale Möglichkeiten.

Vom Dokumentationsprojekt zur Datenstrategie

Ein Produkt besteht aus mehr als seinen Komponenten. Ein digitaler Produktpass ist ein strukturierter Datensatz, der relevante Informationen über ein Produkt elektronisch zugänglich macht. Dazu können beispielsweise Angaben zu Materialien, Herkunft, Nachhaltigkeit und Reparierbarkeit gehören. Die europäische Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) schafft dafür verbindliche Vorgaben für bestimmte Produktgruppen. Neu sind nicht QR-Codes oder digitale Dokumentationen, sondern die Anforderungen an Inhalt, Verfügbarkeit und Austausch der Daten. Der DPP wird damit zur strategischen Aufgabe: Unternehmen müssen Produktinformationen über Systeme und Organisationsgrenzen hinweg konsistent bereitstellen.

Digitaler Produktpass: Welche Pflichten gelten ab 2027?

Ab dem 18. Februar 2027 gelten die Batteriepass-Anforderungen für Elektrofahrzeugbatterien, Batterien für leichte Verkehrsmittel (LMT-Batterien) und Industriebatterien mit einer Kapazität von mehr als 2 kWh. Weitere Produktgruppen wie Eisen, Stahl, Textilien, Aluminium, Reifen, Möbel und Matratzen sollen schrittweise folgen. Dabei ist zwischen dem Erlass entsprechender Vorschriften und ihrer tatsächlichen Anwendungspflicht zu unterscheiden. Unternehmen sollten deshalb frühzeitig klären, welche Produkte betroffen sind, welche Informationen benötigt werden und welche Prozesse angepasst werden müssen.

Welche Daten muss ein digitaler Produktpass enthalten?

Je nach Produktgruppe kann der digitale Produktpass unterschiedliche Informationen enthalten:

  • Identifikation und Herkunft: Hersteller-, Chargen- und Ursprungsdaten.

  • Materialien: Zusammensetzung, Rezyklatanteile und Schadstoffe.

  • Nachhaltigkeit: CO₂-Fußabdruck, Energieverbrauch und Umweltmerkmale.

  • Lebensdauer: Reparierbarkeit, Wartung und Ersatzteilverfügbarkeit.

  • Kreislaufwirtschaft: Demontage-, Wiederverwendungs- und Recyclinginformationen.

Verbraucher, Behörden und Geschäftspartner erhalten dabei unterschiedliche Zugriffsrechte. Unternehmen müssen sicherstellen, dass Informationen aktuell, verlässlich und für die jeweiligen Nutzergruppen zugänglich sind.

Datenintegration als Kernaufgabe

Die größte technische Herausforderung liegt in bestehenden IT-Landschaften. Produktinformationen sind häufig vorhanden, aber über ERP-, PLM-, PIM- und externe Lieferantensysteme verteilt. Einheitliche Datenmodelle und interoperable Schnittstellen sind deshalb entscheidend. Ändert beispielsweise ein Zulieferer die Materialzusammensetzung einer Komponente, müssen die entsprechenden Nachhaltigkeitsdaten und Dokumentationen ebenfalls aktualisiert werden. Ohne integrierte Datenflüsse entstehen manuelle Aufwände, Inkonsistenzen und Fehler. Der digitale Produktpass gibt Unternehmen damit einen konkreten Anlass, ihre Datenarchitekturen zu modernisieren und Informationen entlang der Wertschöpfungskette besser zu vernetzen.

Datenqualität und Governance sichern

Technische Schnittstellen allein reichen nicht aus. Unternehmen benötigen klare Verantwortlichkeiten und Regeln für den Umgang mit Produktdaten. Entscheidend ist, welche Systeme als führende Datenquellen gelten, wer Informationen pflegt und prüft und wie Änderungen über den gesamten Produktlebenszyklus nachvollziehbar bleiben. Auch Lieferanten müssen in gemeinsame Standards und Austauschprozesse eingebunden werden. Eine belastbare Data Governance schafft die Voraussetzungen für regulatorische Konformität und zuverlässige digitale Prozesse.

Mehr als Regulierung: Chancen für Digitalisierung und Nachhaltigkeit

Der digitale Produktpass eröffnet über die gesetzlichen Anforderungen hinaus neue Möglichkeiten. Strukturierte Produktdaten können Lieferketten transparenter machen, Wartungs- und Serviceangebote verbessern und die Wiederverwendung von Materialien erleichtern. Auch interne Abläufe profitieren: Werden Daten systemübergreifend verfügbar gemacht, sinkt der Aufwand für manuelle Pflege und Abstimmung. So kann der DPP zum Ausgangspunkt für datengetriebene Geschäftsmodelle und eine stärker vernetzte Kreislaufwirtschaft werden.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

Für eine erfolgreiche Vorbereitung empfehlen sich fünf Schritte:

  1. Bestandsaufnahme: Betroffene Produkte, geltende und geplante DDP-Anforderungen sowie vorhandene Daten identifizieren.

  2. Systemlandschaft prüfen: Datenflüsse zwischen ERP, PLM, PIM und externen Systemen analysieren.

  3. Governance etablieren: Verantwortlichkeiten, Qualitätsstandards und Zugriffsrechte festlegen.

  4. Pilotprojekt starten: Anforderungen an einer ausgewählten Produktgruppe erproben.

  5. Skalierbare Architektur schaffen: Datenmodelle und Prozesse auf weitere Produktgruppen ausrichten.

Damit lassen sich regulatorische Anforderungen schrittweise erfüllen und zugleich langfristig nutzbare digitale Strukturen aufbauen.

Fazit: Der digitale Produktpass als Impuls für Datenexzellenz

Der digitale Produktpass verändert den Umgang mit Produktinformationen. Was bislang über Systeme und Organisationen verteilt ist, muss künftig konsistent, nachvollziehbar und kontrolliert verfügbar sein. Unternehmen, die ihre Datenlandschaft frühzeitig modernisieren, schaffen damit nicht nur die Grundlage für die Erfüllung neuer EU-Vorgaben. Sie stärken auch ihre Fähigkeit, Daten effizient zu nutzen und neue digitale Wertschöpfung zu ermöglichen.

Sascha Rentzing
Head of Corporate Communications & Content Marketing

Sascha Rentzing ist Head of Corporate Communications & Content Marketing bei Materna. Er verfügt über mehr als 25 Jahre Erfahrung in Journalismus, Kommunikation und Marketing. In seiner Rolle verantwortet er die interne und externe Unternehmenskommunikation sowie das Content Marketing. Seine Schwerpunkte liegen auf der strategischen Kommunikation, der Markenpositionierung und der verständlichen Vermittlung komplexer Technologiethemen.