15.10.2026
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Digitale Souveränität heißt nicht Unabhängigkeit: Wie Europa Abhängigkeiten beherrschbar macht

Digitale Souveränität wird häufig mit technologischer Unabhängigkeit gleichgesetzt. Doch in einer vernetzten digitalen Welt ist vollständige Unabhängigkeit kaum realistisch. Entscheidend ist vielmehr, Abhängigkeiten zu kennen, Risiken einschätzen zu können und auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Im Expert View spricht Toon Kockx, Client Partner EU und Niederlassungsleiter der Materna Belgium B.V. in Brüssel, darüber, warum Europa digitale Souveränität stärker als Fähigkeit verstehen sollte und welche Rolle dabei Konzepte wie Reversibility, Exit by Design und Exit Literacy spielen.

Vanessa Dunker
Content-Managerin

Key Takeaways

  • Digitale Souveränität bedeutet nicht, ohne Abhängigkeiten auszukommen, sondern sie bewusst zu kennen und kontrollieren zu können.
  • Interoperabilität und Portabilität schaffen die Voraussetzung dafür, dass Organisationen technologische Wahlmöglichkeiten behalten.
  • Exit-Strategien entfalten nur dann einen echten Wert, wenn ein Wechsel technisch, organisatorisch und personell tatsächlich umsetzbar ist.
  • Europa braucht deshalb nicht nur eigene technologische Fähigkeiten, sondern auch IT-Landschaften, die Wechsel, Kombination und Ersatz von Lösungen ermöglichen.

„Wir müssen digitale Souveränität stärker als Fähigkeit verstehen“

Europa diskutiert intensiv darüber, wie sich technologische Abhängigkeiten reduzieren lassen. Dabei steht häufig die Frage im Mittelpunkt, welche Technologien, Plattformen und Infrastrukturen künftig stärker in Europa entwickelt und betrieben werden sollten.

Für Toon Kockx greift diese Perspektive allein jedoch zu kurz. Ein aktuelles wissenschaftliches Paper von Blair Wang, Raffaele Fabio Ciriello und Alexander Richter zur digitalen Souveränität liefert dafür einen interessanten Bezugspunkt: Es betrachtet digitale Souveränität nicht als vollständige Unabhängigkeit, sondern als Fähigkeit, Kontrolle über den eigenen digitalen Handlungsraum zu behalten. Toon greift daraus unter anderem die Konzepte Reversibility, Exit by Design und Exit Literacy auf und überträgt sie auf die Frage, wie Organisationen mit technologischen Abhängigkeiten umgehen sollten.

Toon, ist das Ziel vollständiger digitaler Unabhängigkeit überhaupt realistisch?

Toon Kockx: Aus meiner Sicht nicht. Moderne digitale Ökosysteme basieren auf gegenseitigen Abhängigkeiten. Das betrifft Cloud-Infrastrukturen genauso wie Softwareplattformen, Hardware, Open-Source-Komponenten oder globale Lieferketten.

Natürlich ist es wichtig, eigene europäische technologische Fähigkeiten aufzubauen. Aber vollständige Unabhängigkeit sollte nicht der Maßstab für digitale Souveränität sein. Viel wichtiger ist eine andere Frage: Behalten wir die Kontrolle über unsere Abhängigkeiten?

Organisationen sollten wissen, auf welche Technologien und Anbieter sie angewiesen sind, welche Risiken daraus entstehen und ob sie im Fall veränderter Rahmenbedingungen tatsächlich reagieren könnten.

Was bedeutet diese Kontrolle konkret?

Toon Kockx: Zunächst einmal Transparenz. Eine Organisation muss verstehen, wo ihre kritischen Abhängigkeiten liegen. Dabei geht es nicht nur darum, welcher Anbieter einen bestimmten Service bereitstellt. Abhängigkeiten können beispielsweise auch durch proprietäre Datenformate, Schnittstellen, Technologien oder fehlendes internes Know-how entstehen.

Der entscheidende Punkt ist, ob eine Organisation trotz dieser Abhängigkeiten handlungsfähig bleibt. Wenn sich Konditionen ändern, eine Technologie nicht mehr verfügbar ist oder neue regulatorische beziehungsweise sicherheitsbezogene Anforderungen entstehen, muss es echte Alternativen geben.

Interoperabilität als Voraussetzung für echte Wahlmöglichkeiten

Wie groß die eigene Handlungsfreiheit ist, entscheidet sich deshalb bereits lange bevor ein konkreter Anbieterwechsel ansteht. Architekturentscheidungen können Optionen offenhalten oder sie über Jahre hinweg einschränken.

Welche Rolle spielen Interoperabilität und Portabilität dabei?

Toon Kockx: Eine sehr große. Interoperabilität reduziert das Risiko, dass Systeme so eng miteinander verbunden werden, dass ein Wechsel praktisch unmöglich wird.

Offene Schnittstellen, dokumentierte Standards und klar definierte Datenmodelle schaffen Flexibilität. Ähnlich ist es bei der Portabilität: Organisationen sollten ihre Daten und Anwendungen nicht nur theoretisch exportieren können. Sie müssen auch wissen, in welchem Format das funktioniert, welche technischen Abhängigkeiten bestehen bleiben, wie lange eine Migration dauern würde und welche Auswirkungen sie auf den laufenden Betrieb hätte.

Digitale Souveränität muss deshalb bereits bei Architektur-, Technologie- und Beschaffungsentscheidungen berücksichtigt werden.

Bedeutet das, dass Systeme von Anfang an für einen möglichen Wechsel konzipiert werden sollten?

Toon Kockx: Genau. Hier finde ich den Begriff „Exit by Design“, der auch in dem Paper verwendet wird, sehr passend.

Normalerweise denken Organisationen sehr intensiv darüber nach, wie sie eine neue Technologie einführen. Mindestens genauso wichtig ist aber die Frage, wie sie sie später wieder verlassen könnten.

Eng damit verbunden ist der Gedanke der Reversibility: Technologische Entscheidungen sollten möglichst nicht so getroffen werden, dass sie später faktisch unumkehrbar werden. Das bedeutet nicht, dass ständig Anbieter gewechselt werden sollen. Aber Systeme und Verträge sollten so gestaltet sein, dass eine Entscheidung veränderbar bleibt. Erst dann besteht tatsächlich Wahlfreiheit.

Warum ein Exit-Plan allein nicht genügt

Viele Verträge enthalten inzwischen Regelungen für den Ausstieg oder die Migration zu einem anderen Anbieter. Ob eine Organisation diesen Wechsel in der Realität durchführen könnte, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

In diesem Zusammenhang fällt auch der Begriff „Exit Literacy“. Was steckt dahinter?

Toon Kockx: Auch dieser Begriff stammt aus dem Paper und beschreibt für mich einen besonders wichtigen Punkt. Viele Organisationen haben heute vertragliche Exit-Klauseln. Deutlich weniger haben aber praktisch getestet, was ein solcher Exit bedeuten würde.

Können wir unsere Daten tatsächlich übertragen? Sind die notwendigen Kompetenzen vorhanden? Wie funktioniert der Wissenstransfer? Welche Systeme sind miteinander verbunden? Wie hoch wären Aufwand und Kosten? Und lässt sich ein Wechsel durchführen, ohne den laufenden Betrieb zu gefährden?

Eine Exit-Strategie hat nur dann einen echten Wert, wenn eine Organisation auch in der Lage ist, sie umzusetzen. Genau das beschreibt Exit Literacy: nicht nur zu wissen, dass man wechseln kann, sondern zu verstehen, wie ein Wechsel funktioniert und welche Konsequenzen er hätte.

Was bedeutet das für den europäischen Public Sector?

Gerade öffentliche Verwaltungen und europäische Institutionen betreiben viele digitale Systeme über lange Zeiträume. Gleichzeitig treffen neue Anforderungen auf bestehende IT-Landschaften, komplexe Vergabestrukturen und begrenzte Ressourcen.

Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für öffentliche Organisationen?

Toon Kockx: Digitale Souveränität darf dort nicht nur ein strategisches oder politisches Ziel bleiben. Sie muss sich in ganz konkreten Entscheidungen widerspiegeln.

Zum Beispiel: Welche Abhängigkeiten sind für einen bestimmten Service akzeptabel? Welche davon wären im Krisenfall kritisch? Welche Schnittstellen benötigen wir? Wie stellen wir die Portabilität von Daten sicher? Welche Fähigkeiten wollen und müssen wir selbst vorhalten? Und eine besonders wichtige Frage lautet: Haben wir einen möglichen Wechsel eigentlich schon einmal realistisch durchgespielt?

Das sind operative Fragen. Aber genau in diesen Details entscheidet sich, ob eine Organisation im Ernstfall handlungsfähig bleibt.

Reicht es also nicht, einfach mehr europäische Alternativen aufzubauen?

Toon Kockx: Europäische Technologien und eigene Fähigkeiten aufzubauen ist wichtig. Aber eine Alternative zu entwickeln ist etwas anderes als diese Alternative auch tatsächlich nutzen zu können. Wenn eine Organisation über Jahre Strukturen aufgebaut hat, die technisch, organisatorisch oder durch fehlendes Know-how sehr stark an eine bestimmte Lösung gebunden sind, entsteht allein durch ein neues Angebot noch keine Souveränität.

Deshalb sollte Europa beides zusammendenken: den Aufbau eigener technologischer Fähigkeiten und die Fähigkeit von Organisationen, Technologien wechseln, kombinieren und ersetzen zu können.

Wenn eine Organisation ihre eigene digitale Souveränität prüfen möchte: Welche Frage sollte sie sich stellen?

Toon Kockx: Nicht: „Sind wir von niemandem abhängig?“

Sondern: „Wissen wir, wovon wir abhängig sind, verstehen wir die damit verbundenen Risiken und könnten wir eine andere Entscheidung treffen, wenn es notwendig wird?“

Eine souveräne Organisation ist für mich nicht unbedingt eine Organisation ohne Abhängigkeiten. Es ist eine Organisation, die ihre Abhängigkeiten bewusst gestaltet und ihre Handlungsfähigkeit behält.

Vanessa Dunker
Content-Managerin

Vanessa Dunker arbeitet bei Materna als Content-Managerin. Sie unterstützt die Unternehmenskommunikation und betreut redaktionell verschiedene externe Formate. Ihr thematischer Schwerpunkt liegt im Bereich Public Sector.