Mainframes: leistungsstark, zuverlässig, aber bald veraltet
Seit Jahrzehnten verlassen sich Versicherungsunternehmen auf Mainframes. Die Großrechner gelten als zuverlässig und leistungsfähig. Dennoch beschäftigen sich immer mehr Versicherer mit ihrer Ablösung. Warum eigentlich? Weshalb ist die Modernisierung so aufwendig? Und könnte künstliche Intelligenz dabei helfen? Dr. Artur Strasser, Vice President Insurance bei Materna, beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den technologischen Herausforderungen der Versicherungsbranche. Im Interview erklärt er, weshalb die Mainframe-Modernisierung jetzt dringlich wird und wie Versicherer ihre gewachsenen IT-Landschaften erneuern können.
Mainframe klingt ein bisschen nach Computern aus einer anderen Zeit. Was ist das eigentlich?
Dr. Artur Strasser: Mainframes sind besonders leistungsfähige und zuverlässige Großrechner, die bei vielen Versicherern seit Jahrzehnten zentrale Geschäftsprozesse unterstützen, etwa die Vertragsverwaltung, die Bestandsführung oder Leistungs- und Schadenbearbeitung. In den darauf betriebenen Anwendungen steckt häufig eine über Jahrzehnte gewachsene Geschäftslogik. Sie bildet fachliche Regeln ab, etwa wie Beiträge berechnet, Verträge verarbeitet oder Leistungsansprüche geprüft werden. Mainframes sind deshalb bei vielen Versicherern bis heute ein wichtiger Bestandteil der IT-Landschaft. Veraltet ist dabei nicht zwangsläufig die Technologie selbst. Die Herausforderung liegt häufig vielmehr in den über Jahrzehnte gewachsenen Anwendungen.
Wenn die Systeme so zuverlässig funktionieren, warum wollen Versicherer sie dann überhaupt ersetzen?
Strasser: Weil der Betrieb zunehmend teurer wird und Expertenwissen verloren geht. Ein Geschäftsführer eines Versicherers erzählte mir kürzlich, dass er in mehr als 20 Jahren an der Unternehmensspitze noch nie einen so teuren Vertrag abgeschlossen habe wie für seine Mainframe-Anwendungen. Viele dieser Anwendungen sind in COBOL programmiert. Die Fachleute, die sie entwickelt und betreut haben, gehen in Rente, Nachwuchs ist rar. Gleichzeitig ist die Dokumentation häufig lückenhaft. Dadurch werden Änderungen und die Integration neuer Technologien immer aufwendiger, obwohl die Systeme weiterhin zuverlässig funktionieren.
Aber dass die Entwickler irgendwann in Rente gehen und die Technik älter wird, dürfte doch keine Überraschung sein. Warum haben die Versicherer nicht schon früher etwas unternommen?
Strasser: Versicherer beschäftigen sich schon lange mit der Mainframe-Modernisierung. Wirtschaftlich war eine Ablösung bislang aber oft schwer zu rechtfertigen. Stellen Sie sich vor, ein Versicherer ersetzt ein funktionierendes COBOL-System für viele Millionen Euro durch eine neue Java-Anwendung. Die kann zunächst genau dasselbe wie das alte System. Dieses Kapital steht dann nicht für Investitionen zur Verfügung, die Wachstum ermöglichen oder das Kundenerlebnis verbessern.
Solange die Systeme zuverlässig liefen und die Kosten beherrschbar waren, war ihr Weiterbetrieb daher eine vernünftige Entscheidung. Heute sieht die Rechnung anders aus: Steigende Betriebskosten, schwindendes Expertenwissen und neue technische Anforderungen erhöhen den Modernisierungsdruck.
Und was passiert mit dem eigentlichen Computer? Braucht man bei einer Modernisierung immer auch neue Hardware?
Strasser: Modernisierung bedeutet nicht automatisch, die Hardware auszutauschen. Unser Fokus liegt auf der Software: Wir modernisieren Anwendungen, erneuern Schnittstellen und sorgen dafür, dass bestehende Mainframe-Systeme besser mit modernen IT-Landschaften zusammenspielen. Bei einer vollständigen Mainframe-Ablösung verlagern wir Anwendungen und Daten auf andere Plattformen und lösen die verbleibenden technischen Abhängigkeiten auf.
Jetzt haben Sie schon mehrfach COBOL erwähnt. Könnte man diese alten Programme nicht einfach automatisch in eine moderne Programmiersprache übersetzen? Dann wäre das Problem doch gelöst.
Strasser: Eine automatische Übersetzung ist möglich, löst aber nicht alle Probleme. COBOL-Programme lassen sich mit speziellen Werkzeugen und zunehmend auch mit KI in moderne Programmiersprachen übersetzen. Allerdings sind diese Programme über Jahrzehnte gewachsen. Sie enthalten zahlreiche Regeln und Ausnahmen, deren ursprünglichen Zweck heute oft niemand mehr kennt. Bei einer reinen Übersetzung übernehmen wir diese komplexe Logik weitgehend. Wollen wir die Anwendung dagegen vereinfachen und besser wartbar machen, müssen wir zunächst verstehen, warum sie so funktioniert.
Ein Wechsel der Programmiersprache allein löst die Probleme nicht. Entscheidend sind die Struktur der Anwendung, ihre Abhängigkeiten und ihre langfristige Wartbarkeit.
Das ist so, als fahre jemand von Dortmund nach Duisburg immer über Herne, weil er dort mal einen Tankrabatt ausgehandelt hat. Weiß ein Nachfolger oder eine KI nichts von diesem Rabatt, wählt sie die kürzere Strecke über Bochum. Ist das vergleichbar?
Strasser: Der Nachfolger erkennt den Umweg, kennt aber dessen Zweck nicht. Ähnlich ist es bei gewachsenen Anwendungen: Manche Programmteile bilden Sonderregelungen für ältere Versicherungsverträge ab, die weiterhin benötigt werden. Bei einer reinen Übersetzung soll diese Logik erhalten bleiben. Ob die neue Anwendung fachlich dieselben Ergebnisse liefert, müssen wir durch Tests prüfen. Vereinfachen wir dagegen die Anwendung, könnten wir wichtige Regeln versehentlich entfernen. Deshalb müssen wir die fachlichen Gründe hinter dem Programmcode verstehen. Und vielleicht gibt es den Tankstellenrabatt längst nicht mehr. Dann ist der Umweg tatsächlich überflüssig. Aber das müssen wir erst herausfinden.
Das klingt nach einer gewaltigen Detektivarbeit. Muss man dafür jedes alte Programm Zeile für Zeile durchgehen?
Strasser: Bei großen Versicherern wäre das kaum praktikabel. Hier können KI-gestützte Analysewerkzeuge helfen, bestehende Programme zu untersuchen, Abhängigkeiten zu erkennen und bislang undokumentierte Geschäftsregeln sichtbar zu machen. KI kann helfen, die im Code abgebildeten Abläufe und Regeln nachzuvollziehen. Warum eine Regel eingeführt wurde und ob sie weiterhin benötigt wird, müssen wir mit den Fachverantwortlichen klären. Die fachliche Prüfung und Qualitätssicherung bleiben daher unverzichtbar, auch wenn KI die Modernisierung erheblich beschleunigen kann.
Angenommen, eine Versicherung möchte ihre Mainframes modernisieren und kommt damit zu Materna. Wie geht es weiter?
Strasser: Wir beginnen mit einer Bestandsaufnahme: Welche Anwendungen gibt es, wie sind sie miteinander verknüpft, welche Geschäftsregeln und Datenflüsse stecken dahinter? Zugleich klären wir, welche Ziele der Versicherer verfolgt und wo die größten Risiken liegen. Daraus entwickeln wir gemeinsam ein Zielbild für die künftige IT-Architektur und legen fest, welche Anwendungen wir in welcher Reihenfolge modernisieren.
Dabei nutzen wir unsere Erfahrung mit komplexen IT-Landschaften, KI-gestützte Analysen und spezialisierte Technologiepartner. Liegen bereits Vorstudien oder ein Zielbild vor, prüfen wir diese auf Umsetzbarkeit und bauen darauf auf. Entscheidend ist eine Strategie, die zu den fachlichen Anforderungen und wirtschaftlichen Möglichkeiten des Versicherers passt.
Irgendwann muss man das alte System aber doch abschalten und das neue einschalten. Ist das nicht ziemlich riskant?
Strasser: Deshalb gehen wir meist schrittweise vor. Wir beginnen beispielsweise mit einer Anwendung, die wenige Schnittstellen hat und sich mit überschaubarem Risiko umstellen lässt. Gemeinsam mit einem Technologiepartner übertragen wir die Geschäftslogik in ein neues System und prüfen, ob es dieselben Aufgaben zuverlässig erfüllt. Dafür können beide Anwendungen zeitweise parallel laufen. Erst wenn die fachlichen Ergebnisse stimmen, Daten und Schnittstellen geprüft sind und der zuverlässige Betrieb sichergestellt ist, schalten wir die alte Anwendung ab.
Mit jeder erfolgreichen Migration wächst das Vertrauen in die nächste. Manchmal ist es allerdings auch sinnvoll, besonders kritische Anwendungen vorzuziehen. Entscheidend ist eine individuelle Strategie, die Risiken begrenzt und den laufenden Versicherungsbetrieb sichert.
Das kann vermutlich Jahre dauern. Wie lange werden sich die Versicherer noch mit ihren alten Mainframes beschäftigen müssen?
Strasser: Viele Versicherer, mit denen ich spreche, verfolgen inzwischen eine klare Agenda 2030. Ähnliche Modernisierungspläne gab es zwar schon früher. In meinen Gesprächen zeigt sich auch, dass frühere Vorhaben teilweise offen geblieben sind. Heute ist der wirtschaftliche Druck deutlich größer. Zugleich erleichtern KI-gestützte Werkzeuge die Analyse bestehender Anwendungen und ihrer Geschäftslogik. Der Einsatz von KI kann zusätzliche Impulse geben, Daten und Anwendungen besser zugänglich zu machen. Eine Ablösung des Mainframes ist dafür aber grundsätzlich nicht erforderlich.
Deshalb bin ich optimistisch, dass viele Versicherer bis 2030 wesentliche Fortschritte bei der Modernisierung erzielen können. Entscheidend sind klare Prioritäten, ein gutes Verständnis der Systemabhängigkeiten und ein schrittweises Vorgehen. Nicht alles muss auf einmal erneuert werden. Wichtig ist, dass die einzelnen Schritte zu einem tragfähigen Gesamtbild führen.
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