Drei Zimmer, Küche, Diele, Datenraum
Die Zukunft des Wohnens hängt maßgeblich von smarten Heizungen und Sensoren ab. Denn mit einer immer komplexer werdenden Energieinfrastruktur werden Services möglich, die bislang kaum vorstellbar waren. Vorausgesetzt, Startups ergreifen die Chance.
Das Forschungsprojekt SmartLivingNEXT steht für die Idee, Gebäude nicht länger isoliert zu betrachten. Wohnungen, Quartiere und Gebäude werden zu Orten, an denen unterschiedliche Lebens- und Versorgungsbereiche zusammenlaufen: Energieversorgung, Pflege, Assistenz, Wohnen und Gebäudemanagement.
Im Zentrum von SmartLivingNEXT steht ein föderiertes Datenökosystem. Dort werden Daten sicher, kontrolliert und interoperabel ausgetauscht. Sie bleiben dabei jedoch in ihrer jeweiligen Ursprungsumgebung – Energieverbrauchsdaten etwa verbleiben beim Stromanbieter. Nutzbar werden die Daten durch gemeinsame Standards, Konnektoren, semantische Modelle und klare Regeln für Zugriff und Verwendung.
Das ist deshalb relevant, weil die Technik in vielen Gebäuden längst vorhanden ist: Sensoren, digitale Zähler, Heizkostenverteiler, Gebäudeautomation, Assistenzlösungen und Fachanwendungen. Was oft fehlt, ist die Verbindung zwischen diesen Systemen. Genau dort will SmartLivingNEXT ansetzen und aus einzelnen Dateninseln einen nutzbaren Zusammenhang machen.
Wohnen, Pflege und Energie zusammendenken
Im Gebäudebereich geht es längst nicht mehr nur um Wärme, Strom und Betriebskosten. Gebäude sind auch Lebensraum, Pflegeumfeld, Ort sozialer Teilhabe. Und durch Photovoltaik sind sie auch aktiver Teil des Energiesystems. Wer diese Zusammenhänge auch zusammendenkt, erkennt schnell: Viele Probleme lassen sich besser lösen, wenn Daten aus verschiedenen Bereichen sicher miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Im Energiebereich sind aktuelle Verbrauchs- und Einspeisedaten die Voraussetzung, um Energieflüsse besser zu steuern, Lasten zu verteilen und neue Tarif-Modelle zu entwickeln. Ohne Daten bleibt die Energiewende im Gebäude oft rein reaktiv. Mit Daten wird sie planbarer, transparenter und effizienter.
Im Pflege- und Assistenzumfeld ist die Lage ähnlich. Gerade in der ambulanten Versorgung entstehen zwischen einzelnen Besuchen von Pflegekräften lange Phasen ohne unmittelbare Beobachtung. Wenn Wohnumfelddaten, Vitaldaten oder Informationen aus der Hausautomation sinnvoll kombiniert werden, lassen sich Risiken früher erkennen, Hilfen gezielter organisieren und Menschen länger sicher in den eigenen vier Wänden unterstützen.
Im Wohnen selbst zeigen sich die Vorteile ebenfalls sehr konkret. Mieter:innen erhalten mehr Transparenz über ihren Energieverbrauch. Wohnungsunternehmen können Gebäudezustände besser einschätzen. Assistenzangebote lassen sich individueller gestalten. Und auf Quartiersebene entstehen neue Möglichkeiten, Energie, Wohnen und Care als verbundenes Serviceangebot zu denken.
Wie profitiert die Wohnungswirtschaft?
Für die Wohnungswirtschaft eröffnet sich damit eine neue Rolle. Sie wird nicht automatisch selbst zum Energieversorger, Pflegeanbieter oder Softwarehaus. Aber sie wird zur zentralen Ermöglicherin eines Ökosystems.
Der Vorteil liegt auf mehreren Ebenen.
Mehr Transparenz: Verbrauchsdaten, Betriebsdaten und wohnungsbezogene Informationen können helfen, energetische Potenziale früher zu erkennen, Prozesse zu verbessern und Mieterinnen und Mieter gezielter zu informieren.
Neue Services: Dazu gehören etwa Anwendungen für Kostentransparenz, Unterstützung im Alltag, Hitzeschutz, pflegegerechte Wohnraumanpassung oder datenbasierte Assistenzangebote für ältere Menschen.
Stärkere Position: Die Wohnungswirtschaft stärkt ihre Position an der Schnittstelle zwischen Mieter:innen, Energieunternehmen, Care-Anbietern und Technologiepartnern. Wer Gebäudezugang, Mieterkommunikation und Bestandswissen mitbringt, wird im Datenökosystem zu einem entscheidenden Knotenpunkt.
Weniger Aufwand: Gerade in fragmentierten Märkten helfen Datenräume dabei, den Aufwand für Integrationen zu reduzieren. Nicht jedes Wohnungsunternehmen muss jede Lösung selbst entwickeln oder betreiben. Wenn Standards, Konnektoren und Rollenmodelle vorhanden sind, wird Teilnahme auch für kleinere Akteure realistischer und öffnet die Tür für Startups.
Was muss die Wohnungswirtschaft machen?
Damit dieses Modell funktioniert, müssen Gebäude und Bestände nicht nur als Immobilien, sondern auch als digitale Infrastruktur verstanden werden. Denn Daten aus Gebäuden sind ein strategischer Rohstoff für neue Services.
Hinzu kommt die Frage der Anschlussfähigkeit. Systeme, Datenquellen und Prozesse müssen interoperabel werden. Offene Schnittstellen, Standards und saubere Datenmodelle werden deshalb wichtiger.
Ebenso zentral ist das Thema Governance. Es muss klar sein, welche Daten wofür genutzt werden, wer darauf zugreifen darf und wie Einwilligung, Datensouveränität und Sicherheit gewährleistet werden. Gerade im Wohnumfeld ist Vertrauen entscheidend. Mieterinnen und Mieter akzeptieren datenbasierte Angebote nur dann, wenn Nutzen und Kontrolle nachvollziehbar bleiben.
Schließlich braucht es ein neues Rollenverständnis. Wohnungsunternehmen müssen nicht alle Services selbst anbieten. Aber sie sollten in der Lage sein, ihre Partner zu koordinieren und die Teilnahme am Ökosystem zu ermöglichen.
Use Cases im Überblick
Damit SmartLivingNEXT nicht abstrakt bleibt, lohnt der Blick auf konkrete Anwendungsfälle.
GAiST
GAiST steht für präventive Risikoerkennung aus Vital- und Hausautomationsdaten.
- Ziel ist, selbstbestimmtes Leben im Alter sowie Service- und betreute Wohnformen zu unterstützen.
- Daten aus dem Wohnumfeld und aus Vitalwerten werden zusammengeführt, um Risiken früher zu erkennen.
- Praktisch kann das bedeuten, dass Auffälligkeiten im Alltag schneller sichtbar werden und Hilfe besser organisiert werden kann.
- Menschen sollen dadurch länger sicher in ihrer eigenen Wohnung leben können.
- Zusätzlich zeigt das Projekt, wie sich AAL-Szenarien, also alltagsunterstützende Assistenzsysteme, in größerem Maßstab in Wohnungen integrieren lassen.
ExpliCareNEXT
ExpliCareNEXT adressiert den Pflegealltag in der häuslichen Versorgung.
- Entwickelt werden KI-basierte Schritt-für-Schritt-Handlungsempfehlungen.
- Zielgruppe sind insbesondere ungelernte oder weniger erfahrene Kräfte in der häuslichen Pflege.
- Hintergrund ist der Fachkräftemangel.
- Es geht nicht darum, professionelle Pflege zu ersetzen.
- Vielmehr soll Pflege besser angeleitet, strukturiert und entlastet werden.
- Der Mehrwert liegt in mehr Handlungssicherheit, besserer Orientierung und stabileren Abläufen.
BIM-4-CARE
BIM-4-CARE verbindet Gebäudedaten mit pflegegerechter Wohnraumanpassung.
- Auf Basis von 360-Grad-Bildern werden Wohnsituationen digital erfasst und visualisiert.
- Zielgruppen sind Pflegedienste, Pflegeberater und pflegebedürftige Menschen.
- Es lässt sich prüfen, ob eine Wohnung mit einfachen Maßnahmen altersgerechter gestaltet werden kann.
- Sichtbar wird etwa, wo Haltegriffe sinnvoll wären, wo Bewegungsflächen fehlen oder wo Umbauten notwendig werden könnten.
DuITeasy
DuITeasy entwickelt einen Assistance Dataspace.
- Im Mittelpunkt stehen smarte Assistenzservices aus dem Datenraum.
- Dazu gehören zum Beispiel Notfallerkennung, Hitzeschutz und Alltagshilfen im betreuten Wohnen oder im Quartier.
- Verschiedene Datenquellen und Dienste werden zusammengeführt.
- Es geht also nicht um eine einzelne App, sondern um Assistenz als kombinierbare Dienstleistung.
- Der Nutzen entsteht gerade dadurch, dass mehrere Services anschlussfähig werden und gemeinsam wirken.
COMET
COMET fokussiert sich auf das sichere und souveräne Teilen von Daten.
- Im Zentrum steht der Datenaustausch zwischen Haushalten und Anbietern von Smart-Living-, Energie- und Pflegeservices.
- Entscheidend ist die Frage, wer welche Daten wofür freigibt.
- Nutzerinnen und Nutzer sollen die Kontrolle über ihre Daten behalten.
- Damit wird Datensouveränität zur Voraussetzung für neue Geschäftsmodelle.
- Gerade im Wohnumfeld ist das zentral, weil Akzeptanz nur entsteht, wenn Datennutzung transparent, zweckgebunden und sicher bleibt.
FAME4ME
FAME4ME richtet den Blick auf den Haushalt als Teil des Energiesystems.
- Das Projekt entwickelt ein Energieportal für Haushalte.
- Sichtbar werden Live-Verbrauchsdaten aus dem Datenraum sowie dynamische Strompreise.
- Ergänzend werden KI-gestützte Algorithmen für nachhaltiges Energiemanagement untersucht.
- Damit können Verbrauch, Kosten und Tarife stärker miteinander verknüpft werden.
- Für Haushalte entsteht mehr Transparenz, für das Energiesystem mehr Flexibilität.
ForeSightNEXT
ForeSightNEXT übernimmt eine übergreifende Leit- und Blueprint-Funktion.
- Entwickelt werden zentrale Bausteine wie Kataloge, Tools und Konnektoren.
- Das Projekt schafft also die infrastrukturelle Grundlage, auf der weitere Anwendungen aufsetzen können.
- Ein Anwendungsfall ist ein Energieeffizienzdatenportal als nationaler Zugangspunkt zu Energiedaten.
- Dieses Portal kann unter anderem für EnEfG-Pflichten und KI-gestützte Gebäudedatenanalysen relevant werden.
- Ein weiterer Anwendungsfall ist eine mobile App mit Energiespartipps und Kostentransparenz für Vermieter und Mieter im Mehrfamilienhaus mit Mieterstrom.
Warum sind Startups nun wichtig?
Junge Unternehmen bringen oft die Fähigkeit mit, konkrete Probleme schnell in nutzbare Produkte zu übersetzen. Sie testen früher, entwickeln iterativer und denken stärker vom Anwendungsfall her. Das ist in einem Feld wie Smart Living besonders wertvoll, weil viele Lösungen sehr nah am Alltag funktionieren müssen.
Hinzu kommt: Datenräume entfalten ihren Wert erst dann vollständig, wenn auf ihrer Grundlage spezialisierte Dienste entstehen. Infrastruktur allein schafft noch keinen Markt. Erst wenn Unternehmen daraus Anwendungen für Energie, Pflege, Wohnen oder Assistenz entwickeln, wird das Potenzial greifbar.
Startups können dabei mehrere Rollen übernehmen. Sie können Nischen besetzen, neue Services entwickeln, Schnittstellen intelligenter nutzen und das Innovationstempo erhöhen. Gerade weil die Wohnungswirtschaft nicht jede Anwendung selbst entwickeln kann, sind Technologiepartner entscheidend.
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