EUDI Wallet: Warum digitale Identitäten jetzt in die Geschäftsprozesse gehören
Stellen Sie sich vor, Sie möchten online eine Lebensversicherung abschließen oder ein Konto eröffnen und müssen nichts weiter tun als sich anzumelden und per Wallet Ihre Identität zu bestätigen. Kein Postident oder andere umständliche Verfahren, kein Upload von eingescannten Unterlagen.
Mit der EUDI Wallet sollen solche Vorgänge so simpel werden wie eine Bestellung in einem Online-Shop. Der Versicherer oder die Bank fordert die für den Abschluss erforderlichen Identitätsdaten und Nachweise digital an. Sie sehen auf Ihrem Smartphone, welche Informationen benötigt werden, und geben diese gezielt frei. Verifizierte Daten fließen direkt in die Antragsstrecke. Zusätzliche digitale Nachweise lassen sich auf demselben Weg übermitteln. Perspektivisch kann auch eine qualifizierte elektronische Signatur in diesen Prozess eingebunden werden
Was heute aus Dateneingabe, Identifikation, Nachweisprüfung und weiteren Einzelschritten besteht, kann damit zu einem durchgängigen digitalen Prozess werden. Die EUDI Wallet bringt eine europäische digitale Identität auf das Smartphone und stellt zugleich eine Infrastruktur bereit, über die geprüfte Informationen zwischen Bürger:innen, Unternehmen und Behörden ausgetauscht werden können.
Die EUDI Wallet macht digitale Nachweise nutzbar
EUDI steht für European Digital Identity. Die EUDI Wallet ist eine digitale Brieftasche für Identitätsdaten und verifizierte Nachweise. Grundlage ist die novellierte eIDAS-Verordnung, häufig als eIDAS 2.0 bezeichnet. Sie etabliert einen europäischen Rahmen für digitale Identitäten und deren grenzüberschreitende Nutzung.
Die staatliche deutsche EUDI Wallet soll Anfang 2027 als kostenlose Smartphone-App erscheinen. Zu ihren grundlegenden Funktionen gehören die digitale Ausweisfunktion und die Verwaltung verschiedener digitaler Nachweise. Die Nutzung ist für Bürger:innen freiwillig. Weitere Funktionen sollen schrittweise folgen.
Dabei geht die Wallet deutlich über einen digitalisierten Personalausweis hinaus. Sie kann Person Identification Data (PID) enthalten, also verifizierte Personenidentifizierungsdaten. Hinzu kommen elektronische Attributsbescheinigungen, sogenannte Electronic Attestations of Attributes (EAA). Sie können beispielsweise einen Führerschein, eine Qualifikation oder eine Berechtigung nachweisen. Für besonders vertrauenswürdige Bescheinigungen sieht der europäische Rahmen qualifizierte elektronische Attributsbescheinigungen, kurz QEAA, vor. Auch qualifizierte elektronische Signaturen gehören zum vorgesehenen Funktionsumfang des Ökosystems. Damit entsteht eine gemeinsame Infrastruktur für Informationen, die Organisationen heute häufig über Kopien, Uploads, Formulare oder separate Identifikationsdienste verarbeiten.
Aus einem Dokument wird eine Information
Besonders interessant ist das Prinzip der selektiven Datenfreigabe. Ein klassischer Nachweis übermittelt häufig mehr Informationen, als für einen konkreten Vorgang erforderlich sind. Wer heute beispielsweise mit seinem Personalausweis sein Alter belegt, zeigt damit zugleich Name, Geburtsdatum, Augenfarbe und weitere Daten, die gar nicht benötigt werden.
Die EUDI Wallet ermöglicht eine feinere Steuerung. Für einen Altersnachweis kann beispielsweise die Information ausreichen, dass eine Person eine bestimmte Altersgrenze überschritten hat, das genaue Geburtsdatum ist irrelevant. Die nutzende Person entscheidet, welche angeforderten Daten sie freigibt. Die staatliche Wallet soll persönliche Daten verschlüsselt auf dem Gerät halten und keine zentralen Nutzungsprofile erstellen.
Damit verändert sich die Logik digitaler Nachweise. Unternehmen und Behörden können künftig häufiger auf eingescannte Dokumente und deren manuelle Prüfung verzichten. Stattdessen lassen sich verifizierte Attribute direkt in digitale Prozesse übernehmen und kryptografisch prüfen.
Das Ökosystem verbindet Aussteller, Nutzende und Dienste
Technisch folgt die EUDI Wallet einem Issuer-Holder-Relying-Party-Modell. Eine ausstellende Stelle, der Issuer, stellt einen verifizierten digitalen Nachweis bereit. Die nutzende Person verwaltet diesen Nachweis als Holder in ihrer Wallet. Benötigt ein Unternehmen oder eine Behörde bestimmte Informationen, fragt es sie als Relying Party an.
Weitere Akteure kommen je nach Szenario hinzu. Authentische Quellen und Datenprovider stellen verifizierte Daten bereit, während Unternehmen, Behörden und andere Organisationen diese nach Freigabe durch die Nutzenden entgegennehmen und prüfen. Die Wallet verbindet diese Rollen und gibt den Nutzenden Kontrolle darüber, welche Informationen sie teilen.
Diese Architektur ist entscheidend für die praktische Wirkung der Wallet. Ein digitaler Nachweis erzielt wenig, solange er lediglich auf einem Smartphone angezeigt werden kann. Relevant wird er, sobald ein Fachverfahren ihn automatisch anfordern, verifizieren und weiterverarbeiten kann. Damit rücken Schnittstellen, Datenmodelle und Prozessintegration in den Mittelpunkt.
Anfang 2027 ist der Startpunkt. Die Vorbereitung läuft bereits.
Die erste Version der staatlichen deutschen EUDI Wallet ist für Anfang 2027 geplant. Zunächst sollen unter anderem die digitale Ausweisfunktion und verschiedene digitale Nachweise unterstützt werden. Weitere Nachweise kommen schrittweise hinzu.
Für Unternehmen und Verwaltungen beginnt die Arbeit allerdings bereits heute. Die offizielle EUDI-Wallet-Sandbox steht als Testumgebung zur Verfügung. Organisationen können dort eigene Anwendungsfälle mit Testdaten erproben, ihre technische Integration vorbereiten und sowohl Identifizierungs- als auch Nachweisszenarien testen.
Der Einstieg sollte deshalb mit einem konkreten Use Case beginnen. Die entscheidende Frage lautet weniger, ob eine Organisation grundsätzlich etwas mit der EUDI Wallet anfangen kann. Interessanter ist, in welchem vorhandenen Prozess verifizierte Identitäts- oder Nachweisdaten eine spürbare Verbesserung bringen.
Use Cases sind überall, wo es hakt
Die Zahl möglicher Anwendungen ist groß. Die Wallet-ready?! Initiative betrachtet Anwendungsfelder aus Verwaltung, Finanzwirtschaft, Gesundheitswesen, Sozialversicherung, Bildung, Industrie und Handwerk, Handel und Logistik, Mobilität sowie Justiz.
Für Unternehmen und Behörden lohnt sich deshalb zunächst der Blick auf die eigenen Prozesse: Wo geben Menschen dieselben Daten mehrfach ein? Wo laden sie Nachweise als PDF oder Foto hoch? Wo kontrollieren Mitarbeitende Dokumente manuell? Wo unterbricht eine separate Identifikation einen ansonsten digitalen Ablauf? Wo müssen Informationen zwischen Portal und Fachverfahren übertragen werden? Solche Stellen sind aussichtsreiche Kandidaten für EUDI-Anwendungen.
Bei der Priorisierung sollten mehrere Faktoren zusammenspielen: die regulatorische Relevanz, die heutige Reibung im Prozess, das Prozessvolumen und der Aufwand für die Integration. Der technisch spektakulärste Use Case ist folglich nicht automatisch der sinnvollste Einstieg. Ein häufig genutzter Standardprozess kann wesentlich mehr bewirken.
Einfache Abschlüsse bei Banken und Versicherungen
Bei Banken und Versicherungen kommen viele Voraussetzungen für EUDI-Anwendungen zusammen. Unternehmen müssen Personen identifizieren, Daten verarbeiten, Berechtigungen prüfen und Dokumente entgegennehmen. Gleichzeitig erwarten Kund:innen möglichst einfache digitale Journeys.
Beim Onboarding und Vertragsabschluss können verifizierte Identitätsdaten nach Freigabe direkt in die Antragsstrecke übernommen werden. Separate Legitimationsschritte, wiederholte Eingaben oder Dokumentenuploads können wegfallen.
Auch der Self-Service bietet interessante Szenarien. Eine Wallet-basierte Authentifizierung kann beispielsweise helfen, sensible Vertragsänderungen oder Serviceaufträge eindeutig einer Person zuzuordnen.
Im Schadenprozess können Versicherte Identitätsdaten, Einwilligungen und verifizierte Nachweise unmittelbar in eine digitale Schadenstrecke übertragen. In Verbindung mit Lösungen wie dem Materna Wallet Claim lassen sich zudem Bild- und Vorgangsdaten sicher erfassen und in weitere Prüfprozesse einbinden. Vertrauenswürdige Identitäts- und Nachweisdaten können so mit weiteren Informationen aus dem Schadenfall zusammengeführt werden.
Perspektivisch können Versicherer außerdem selbst als Aussteller auftreten. Versicherungsbestätigungen, Vertragsnachweise oder Schadenfreiheitsbestätigungen lassen sich dann als digital prüfbare Credentials bereitstellen. Damit erweitert sich die Rolle eines Unternehmens im EUDI-Ökosystem: Es kann Nachweise empfangen und zugleich eigene vertrauenswürdige Nachweise ausgeben.
Auch die Verwaltung muss die Wallet in Verfahren bringen
Für den Public Sector reicht es ebenfalls nicht, einen neuen Login anzubieten. Der Nutzen entsteht durch die Verbindung mit Verwaltungsverfahren.
Die EUDI Wallet kann beispielsweise Identitätsdaten für digitale Anträge bereitstellen oder verifizierte Nachweise an ein Fachverfahren übergeben. Perspektivisch kommt auch die Verbindung zu Registern und zum Once-Only-Prinzip ins Spiel. Daten, die der öffentlichen Verwaltung bereits vorliegen, können dadurch stärker in durchgängige digitale Abläufe eingebunden werden.
Für die technische Umsetzung kommen unterschiedliche Integrationswege infrage. Die EUDI-Wallet-Authentifizierung kann direkt in die behördliche Infrastruktur eingebunden oder über bestehende Komponenten wie die BundID genutzt werden. Ebenso wichtig ist die Gegenrichtung: Fachverfahren und Register können relevante Attribute bereitstellen, während andere Verfahren Daten aus der Wallet entgegennehmen und weiterverarbeiten.
Damit wird die Wallet Teil einer größeren Verwaltungsarchitektur. Ihre Wirkung entfaltet sie dort, wo Identität, Nachweise, Fachverfahren und Register zu einem Ende-zu-Ende-Prozess zusammenfinden.
Wallet-ready ist auch eine Organisationsfrage
Je mehr Anwendungen entstehen, desto deutlicher wird: Die EUDI Wallet betrifft mehrere Bereiche einer Organisation. Fachabteilungen betrachten Prozesse und Kundeninteraktionen, die IT verantwortet Integration und Betrieb, Datenschutz und Informationssicherheit prüfen Datenflüsse und Schutzmaßnahmen.
Die Wallet-ready?! Initiative empfiehlt Organisationen, die von Akzeptanzpflichten betroffen sind oder die Möglichkeiten der EUDI Wallet aktiv nutzen wollen, deshalb die Benennung eines Wallet Officers beziehungsweise Brieftaschenbeauftragten. Diese Rolle soll Anwendungsfälle koordinieren, das Management beraten und Verantwortlichkeiten rund um Einführung und Nutzung strukturieren.
Ob eine Organisation dafür eine eigene Funktion etabliert oder vorhandene Verantwortlichkeiten erweitert, hängt von ihrer Struktur ab. Der Grundgedanke ist wichtiger als die konkrete Stellenbezeichnung: Das Thema braucht eine klare Zuständigkeit. Sonst besteht die Gefahr, dass EUDI zwischen Fachbereich, IT, Datenschutz, Compliance und einzelnen Digitalprojekten aufgeteilt wird, ohne dass jemand den Gesamtprozess verantwortet.
Der Einstieg braucht einen konkreten Prozess
Für den Einstieg bietet sich ein strukturierter EUDI Readiness Check an. Am Anfang steht die Frage, welche Produkte, Journeys, Nachweise, Systeme und Beteiligten von der EUDI Wallet berührt werden. Anschließend lässt sich der eigene Reifegrad in Bereichen wie Customer Experience, Architektur, Governance, Compliance und Betrieb bewerten.
Darauf aufbauend werden geeignete Use Cases priorisiert. Entscheidend sind ihr fachlicher Nutzen, die regulatorische Relevanz, mögliche Risiken und die technische Machbarkeit. Aus dieser Bewertung entstehen ein Zielbild und eine Roadmap. Ein ausgewählter Anwendungsfall kann anschließend in der Sandbox erprobt werden.
Ein Pilot liefert dabei mehr als einen technischen Proof of Concept. Er zeigt, welche Daten tatsächlich benötigt werden, wie Nutzende die Freigabe erleben, welche Schnittstellen vorhanden sind und welche Anpassungen im Fachprozess erforderlich werden. So wird aus einer abstrakten europäischen Infrastruktur ein konkreter digitaler Prozess.
Materna bringt die EUDI Wallet in bestehende Prozesse
Materna begleitet Unternehmen und Verwaltungen als Integrations-, Transformations- und Umsetzungspartner für die EUDI Wallet. Der Schwerpunkt liegt auf der Verbindung des europäischen Identitätsökosystems mit realen Organisations- und IT-Landschaften.
Dazu gehören Wallet Readiness und Use-Case-Priorisierung ebenso wie Prozess- und Experience Design, Architektur, Integration, Governance und Pilotierung. Materna verfügt bereits über Erfahrung mit digitalen Identitäten und komplexen Antragsverfahren. Dazu zählt unter anderem die Anbindung des Formular-Management-Systems des Bundes an die BundID. Zudem arbeitet Materna mit der offiziellen EUDI-Sandbox sowie mit prototypischen und internationalen Integrationsszenarien.
Dieses Know-how ist wichtig, weil sich der Erfolg der EUDI Wallet an den Übergängen entscheidet: zwischen Wallet und Portal, zwischen Nachweis und Fachverfahren, zwischen europäischem Standard und gewachsener Systemlandschaft.
Eine tragfähige Umsetzung verbindet deshalb technische Integration mit dem jeweiligen Geschäfts- oder Verwaltungsprozess. Erst dann wird die Wallet von einer neuen Infrastruktur zu einem Werkzeug, das den digitalen Alltag tatsächlich vereinfacht.