Interview Initiativkreis Ruhr

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Interview Initiativkreis Ruhr

Die Gründerallianz Ruhr hat mit der ersten Hands-on-Data-Konferenz (HOD) im November 2021 dafür gesorgt, Datenschätze im Ruhrgebiet zu heben. Die Veranstaltung hat gezeigt, wie wichtig ist es, beim Thema Startup-Förderung zusammenzuarbeiten. Neben Materna als Exklusivpartner zählten auch weitere Unternehmen und Institutionen wie die IHK zu Dortmund zu den Unterstützern. Genau das ist das Ziel des Initiativkreises Ruhr: Allianzen der Willigen zu schmieden, um die Gründerszene nachhaltig zu beleben. Wie das funktionieren kann, verdeutlichen die Verantwortlichen des Events in einem Interview.

Wollen den Gründer-Hotspot Ruhrgebiet gemeinsam weiter stärken (v.l.): Martin Wibbe,  Britta Dombrowe und Dominik Stute. (Fotos: Initiativkreis Ruhr) Wollen den Gründer-Hotspot Ruhrgebiet gemeinsam weiter stärken (v.l.): Martin Wibbe, Britta Dombrowe und Dominik Stute. (Fotos: Initiativkreis Ruhr)

Gemeinsam die Gründungskultur im Ruhrgebiet stärken

Die Welten von Unternehmen und Startups beim Megathema Daten zusammenzubringen, war eines der obersten Ziele des hybriden Netzwerkevents Hands On Data (HOD). Die Konferenz, die von der Gründerallianz Ruhr veranstaltet wurde, kam an: Mehr als 1.100 Interessierte verfolgten die Premiere im vergangenen November. Das Initiativkreis-Unternehmen Materna war Exklusivpartner der HOD. Aber auch viele weitere Unternehmen und Kooperationspartner wie die IHK zu Dortmund unterstützten den Ansatz, die Datenschätze der Region in einem Leuchtturmevent zu heben. Wir haben mit Dr. Britta Dombrowe, Programme Lead Startup Activities beim Initiativkreis Ruhr, Martin Wibbe, Vorstandsvorsitzender und CEO der Materna-Gruppe, und Dominik Stute, Referatsleiter Innovation, Industrie und Internationale Netzwerke der IHK zu Dortmund, über die HOD, das Startup-Ökosystem im Ruhrgebiet und neue Wege der Digitalisierung gesprochen.

Herr Wibbe, der Erfolg des IT-Unternehmens Materna begann 1980 mit einer visionären Idee der Gründer und Gesellschafter Dr. Winfried Materna und Helmut an de Meulen. Die Startup-Szene zu fördern, liegt damit quasi in der DNA Ihres Unternehmens. Welchen Beitrag leistet Materna, um das Ruhrgebiet als Startup-Hotspot zu profilieren?

Wibbe: Der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Dortmund, Ulrich Sierau, hat einmal zu mir gesagt: „Herr Wibbe, Sie sind für mich der Vorstand des ältesten Startups im Ruhrgebiet.“ Dem stimme ich natürlich gerne zu (lacht). Materna ist nach wie vor gesellschaftergeführt und als Vorstand bin ich in der schönen und komfortablen Situation, viel Flexibilität zu haben, um gemeinsam mit unseren mehr als 3.000 Mitarbeiter:innen eigene, gute und innovative Unternehmensstrategien weiterzuentwickeln. Wenn ich auf das Ruhrgebiet schaue, sehe ich eine lebendige Startup-Szene, die in den vergangenen fünf bis zehn Jahren stark gewachsen ist. Wir haben hier viele gute Universitäten, die den Startup-Gedanken fördern, allen voran die TU Dortmund. Das macht es uns als Unternehmen leicht, ein relevanter Netzwerkpartner zu sein. Materna ist etabliert, technologiegetrieben und finanzstark. Gemeinsam Ideen – speziell mit dem Fokus auf IT-Dienstleistungen und Softwareentwicklung – weiterzuentwickeln, die für die Gesellschaft und die Region hilfreich sind, ist unser übergeordnetes Ziel. Startups sind für uns deshalb wichtige Kooperationspartner.

Frau Dombrowe, Sie leiten den Bereich Startup-Aktivitäten bei der Initiativkreis Ruhr GmbH. Aus der Sicht eines Wirtschaftsbündnisses: Wie ist das Ruhrgebiet im Vergleich zu anderen Regionen mit Blick auf Startups aufgestellt?

Dombrowe: Ich glaube, dass jede Region, die ein lebendiges Startup-Ökosystem hat, ein Alleinstellungsmerkmal besitzt. Bei den einen ist es der Zugang zu Venture Capital, bei den anderen der Fokus auf internationale Talente. Das Ruhrgebiet kann meiner Meinung nach mit einer einmaligen Industriedichte punkten. Die Steinkohleförderung war in der Region über Jahrzehnte zentral, hat für Wohlstand gesorgt und das Ruhrgebiet vorangebracht. Bis heute ist genau das für Startups attraktiv – denn es bedeutet, dass es hier Arbeit gibt. Der Initiativkreis Ruhr steht für etablierte Wirtschaft zentral in Europa und baut Brücken zu neuen Talenten – etwa mit Veranstaltungen und engagierter Netzwerkarbeit. Das tun wir, weil wir wollen, dass unsere industrielle Zukunft genauso stark werden kann, wie unsere industrielle Vergangenheit es war. Etablierte Wirtschaft mit Startups zu verquicken bedeutet für uns deshalb, resilientes und nachhaltiges Wirtschaften.

Herr Stute, Sie kümmern sich bei der IHK zu Dortmund um die Internationalisierung von Startups. Wie genau kann man sich das vorstellen und warum ist dieser Schritt für unsere Region so wichtig?

Dominik Stute, IHK zu Dortmund Dominik Stute, IHK zu Dortmund

Stute: Wir wollen die Startups aus der Region – übrigens genauso wie alle anderen Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten – bei der Internationalisierung unterstützen. Wenn es um junge, hochinnovative und zumeist digitale Unternehmen geht, haben diese in der Regel jedoch schneller einen internationalen Fokus. Hinzu kommt, dass man in der digitalen Startup-Welt direkt internationale Chancen, aber auch internationale Konkurrenz hat. Hier setzen wir als IHK zu Dortmund einen besonderen Fokus – weil Startups für die Region extrem wichtig sind. Wir beraten, qualifizieren und führen Gründer:innen mit unserem Netzwerk – hier sind vor allem die 140 Büros der Auslandshandelskammern (AHKn) in 92 Ländern weltweit zu nennen – an das Thema heran. Seit 2015 reisen wir mit Startups und Kooperationspartnern wie dem Initiativkreis Ruhr ins Ausland nach zum Beispiel New York, Tel Aviv, Singapur, Helsinki oder Lissabon. Dort schaffen wir Netzwerke für die Startups und helfen ihnen beim Kennenlernen von neuen Kunden und Investoren. Für die Region ist das wichtig, weil Startups diese Erfahrungen und internationalen Kontakte wieder mit nach Hause nehmen und im besten Fall selbst wachsen können.

Wie wichtig ist es, gemeinsame Sache zu machen, um beim Thema Digitalisierung, Innovation und Startups dauerhaft in der Pole Position zu sein?

Dombrowe: Mit der Gründerallianz Ruhr (GAR) wollen wir genau das: Allianzen schmieden, die das Ruhrgebiet voranbringen. Seit 2017 schaffen wir eine Klammer, um größere Transparenz herzustellen und Synergien zu schaffen. Als wir 2016 angefangen haben, in dem Ökosystem zu arbeiten, dachten wir erst, wir müssten alle mitnehmen. Aber da beißt man sich auf Dauer die Zähne aus. Deshalb haben wir angefangen, nur Allianzen mit Willigen zu schmieden. Und genau das ist ein sehr guter Weg für das Ruhrgebiet, weil es genug Akteure gibt, die bei dem Thema an einem Strang ziehen wollen.

Wibbe: Ich sehe das genauso. Die Region im Bereich der Digitalisierung und IT-Technologie voranzubringen, funktioniert nicht als singulärer Player. Das Ruhrgebiet hat hier die große Chance, mit der Bündelung an starken Firmen gewisse Startups anzuziehen. Als Vorstand von Materna kann ich sagen: Ich sehe darin einen großen Mehrwert und hoffe, dass sich noch mehr Unternehmen dieser Logik anschließen. Denn wir können von Startups viel lernen. Sich also mit dem Ökosystem zu beschäftigen und zu fragen, was kann ich mitbringen – etwa Geld, Ideen oder die passende Infrastruktur – kann nur wertvoll sein.

Stute: Auch das Ruhrgebiet steht ja in einem globalen Wettbewerb um Ideen, Talente und neue Geschäftsmodelle. Deshalb muss man sich auch gegen andere Standorte behaupten können. Und das schafft man in unserer Metropole vor allem durch die Bündelung der Kräfte von starken Firmen, Hochschulen und Institutionen. Realistisch betrachtet hört ein Startup, das aus Dortmund kommt, ja nicht an der Stadtgrenze auf, nach Kooperationspartnern zu suchen. Dieser Realität muss man sich stellen und gemeinsame Lösungen finden.

Herr Wibbe, Michael Müller von Materna ist Mitglied im Jungen Initiativkreis Ruhr und wirbt für den Standort Ruhrgebiet und Ihr Unternehmen im speziellen. Warum ist Materna vor allem für junge Leute ein attraktiver Arbeitgeber?

Wibbe: Das hängt viel mit unserer Kultur zusammen. Materna ist sehr menschenorientiert. Der Hashtag #TeamMaterna ist nicht nur eine Floskel bei Social Media, wir leben diesen Gedanken. Wir sind ein Familienunternehmen, das langfristig und nachhaltig denkt und agiert. Wir bieten Sicherheit im Job, attraktive Aufgaben und Weiterbildungsmöglichkeiten, gute Bezahlung und ein Zufriedenheitsgefühl. Wir stellen viele Trainees ein, die wir gut ausbilden und die dann auch im Unternehmen bleiben wollen. Zu uns kommen in der Regel technisch interessierte, qualifizierte und teamorientierte Talente – und sie sagen uns immer wieder, dass sie sehr zufrieden bei uns sind. Das freut uns und das wollen wir bewahren.

Wagen wir zum Abschluss einen Blick in die Zukunft: Was muss sich ändern, damit Deutschland im Allgemeinen und das Ruhrgebiet im Speziellen beim Thema Innovationen und Digitalisierung nicht weiter abgehängt wird?

Stute: Ein Anfang wäre, sich nicht auf der Wirtschaftskraft der Gegenwart auszuruhen und mehr nach vorne zu blicken. Gerade unser Mittelstand, der ja vor allem im Ruhrgebiet traditionell sehr stark ist, könnte noch risikobereiter werden. Die Geschäftsmodelle von heute sind nicht immer die von morgen. Startups können hier gute Impulse geben – und ein zukunftsfähiger Geschäftspartner sein.

Wibbe: Das Thema Digitalisierung ist in Deutschland aufgrund unseres politischen Systems generell eine Herausforderung, weil unser föderales System es erfordert, dass ganz neue Konzepte entwickelt werden. Fortschritt zu generieren, ist da leider nicht immer so einfach und schnell möglich. Ich glaube, dass wir aufpassen müssen, den Mittelstand nicht damit zu überlasten, sich mit dem System zu beschäftigen. Das hemmt und verlangsamt uns. Es gelingt dann eben nur ganz findigen Menschen, Prozesse zu beschleunigen. Hier kommen Gründer:innen ins Spiel: Denn Digitalisierungsthemen voranzutreiben, liegt meist in der DNA von Startups: Sie gehen öfter ins Risiko, probieren Neues aus, lassen sich von Fehlern nicht vom Weg abbringen. Diese Mentalität müssen wir viel mehr in unser öffentliches System und in das eine oder andere Unternehmen transferieren. Wir brauchen pragmatische Lösungen. Ich zum Beispiel würde meine persönlichen Daten gerne in eine einheitliche ID geben, wenn dafür mein Leben einfacher werden könnte. Dann würde ich auch das Risiko eingehen, dass diese Daten zentral angelegt sind.

Dombrowe: Ich glaube, wir haben uns mit der Gründerallianz in die richtige Richtung aufgemacht: Meiner Meinung nach können wir nur eine nachhaltige, widerstandsfähige und erfolgreiche Wirtschaft kreieren, wenn wir eine Brücke bauen zwischen der etablierten Wirtschaft und den „jungen, wilden“ Startups. Wir brauchen Erfahrung und Augenmaß auf der einen Seite – und Mut, Erfindungsgeist und Kenntnis aller technischen Möglichkeiten auf der anderen Seite. Nur wenn es uns gelingt, das Beste aus beiden Welten zu verbinden, können wir dieses Wort „Digitalisierung“ mit echtem Leben füllen. Wir brauchen eine Form der Digitalisierung, die tatsächlich dem Menschen nützt, sein Leben und Arbeiten besser macht und unsere Wirtschaft stärkt.

Das Interview führte Jasmin Buck. Quelle: Initiativkreis Ruhr. Auszug aus dem vollständigen Interview www.i-r.de/magazin/