Aus der Chefetage: Vertrauenskultur

Mittelständische Unternehmen sind vom Unternehmer geprägt. Im Falle der MATERNA GmbH sogar von zweien: Dr. Winfried Materna und Helmut an de Meulen. Nicht zuletzt durch ihre unterschiedlichen Persönlichkeiten haben sie gemeinsam mit den Mitarbeitern das Unternehmen zum Erfolg geführt. Durch Höhen und Tiefen.

Betritt man die Chefetage der MATERNA GmbH, kommt man in einer mittelständischen Schaltzentrale an. Ruhe und dezentes Auftreten Dr. Winfried Materna und Helmut an de Meulenprägen die Umgebung – anders als in vielen High-Tech-Unternehmen. Nicht ohne ein wenig Luxus, aber bodenständig. 1980 war nicht abzusehen, welche Entwicklung das frisch gegründete Unternehmen nehmen wird. „Unsere ersten Aufträge haben wir zu Hause am Küchentisch bearbeitet“, erinnert sich Dr. Materna, der in erster Linie den Geschäftsbereich Information verantwortet. „Es gab keine PCs, kein Internet, kein Handy“, ergänzt der für den Geschäftsbereich Communications zuständige an de Meulen. „Wir hatten einen so genannten Mini-Rechner – 20 Kilo schwer, aber bereits mit einem 8080-Microprozessor von Intel. Der Monitor verursachte Augenschmerzen. Aber man konnte diesen PC-Vorläufer schon mitnehmen. Man muss sich vorstellen: Die heutige Speicherkapazität eines USB-Sticks hätte damals ein ganzes Gebäude gefüllt.“

Der Schritt von der Hochschule – beide Gründer lernten sich im Rahmen eines Forschungsprojektes der Universität Dortmund (heutige Technische Universität Dortmund) kennen – in das selbstständige Unternehmertum war damals nicht unbedingt opportun. Den wohl behüteten Bereich von Forschung und Lehre zu verlassen und sich in ein Abenteuer ohne Venture Capital, Seed Financing oder Business Angles zu stürzen, war eine Herausforderung. „Unser erster Auftrag kam von der damals noch eigenständigen Firma Nixdorf. Ein Beratungsauftrag, der im Wesentlichen die Fortführung unserer akademischen Arbeit war“, so Dr. Materna. Es folgten ein Auftrag von Siemens zum Bau eines Netzwerks – der Zeit entsprechend mit sehr rudimentären Mitteln – und die Entwicklung eines klinischen Laborsystems. Das Spektrum war breit. „Wir trauten uns das zu“, so Dr. Materna lapidar. „Und wir haben wohl einen guten Job gemacht. Wir wurden immer dann gerufen, wenn die Branchengrößen nicht mehr weiter wussten. Wir waren, überspitzt gesagt, die Feuerwehr.“

Vom Unternehmer zum Arbeitgeber

Vier Jahre später erfolgte eine wichtige Zäsur mit Einstellung des ersten festen Mitarbeiters und Umzug vom Küchentisch in richtige Büroräume. Für an de Meulen wurde zudem der Grundstein für einen wichtigen Geschäftsteil des noch jungen Unternehmens gelegt: „Für Siemens und Nixdorf hatten wir uns vor allem mit der Anbindung von Kleinrechnern und später dann PCs an Großrechner befasst. Ab 1984 haben wir das auch für Fluggesellschaften gemacht. Davon profitieren wir noch heute. Im Bereich der automatischen Passagierabfertigung – Check-In, Gepäckaufgabe, Zugangskontrollen – sind wir in Deutschland Marktführer.“ Jüngstes Kind ist eine in Südafrika anlässlich der Fußball-WM eingeführte Zugangskontrolle an den Abflug-Gates. Diese stellt sicher, dass Passagiere diesen Bereich nur mit der persönlichen Bordkarte in einem festgelegten Zeitfenster betreten können. Ein zweiter Zugang mit dem selben Boarding-Pass ist nicht möglich.

„Generell haben wir immer von der technischen Entwicklung profitiert“, erinnert sich an de Meulen. „Hätte sich die Technik nicht rapide weiterentwickelt – Internet, Mobilfunk oder Web 2.0 – wären wir heute nicht da, wo wir sind.“ Zu den großen Meilensteinen dabei zählt für beide Geschäftsführer der Einstieg in den Bereich der öffentlichen Verwaltung. Anlass war eine Anwendungsentwicklung für den Zoll im Auftrag der Bundesfinanzverwaltung. „Wir haben diese Applikation komplett neu geschrieben. Das ist eines unserer Dr. Winfried Maternaerfolgreichsten Projekte überhaupt, wir betreuen diese Lösung nun schon seit 18 Jahren“, erläutert Dr. Materna. „Wir haben das beste Zoll-Know-how in Deutschland oder sogar in Europa.“

Um Geschäftsbeziehungen derart langfristig anzulegen, setzen Dr. Materna und an de Meulen auf Vertrauen. „Vertrauen ist das Geschäftsprinzip intern und extern“, fasst Dr. Materna zusammen. Beide Geschäftsführer verstehen sich als Primus inter Pares, die Aufgaben delegieren und auch mit Kritik umgehen können. Dr. Materna reflektiert: „Das ist etwas, was ich in den vergangenen 30 Jahren gelernt habe: Mitarbeiter um mich zu scharen, denen ich vertrauen kann.“ Doch bei riskanten oder neuen Geschäften haben die beiden Unternehmer noch immer ihre Finger mit im Spiel. Es gehe darum, gemeinsam mit den Mitarbeitern gestaltend zu wirken, so an de Meulen. Das zeigt sich auch in einer nachhaltigen Firmenpolitik, die die Geschäftsführer verfolgen. Eine hohe Ausbildungsquote im Unternehmen, die Partnerschaft zur Fachhochschule Dortmund im Rahmen eines dualen Ausbildungsmodells für Bachelor-Studenten sowie interne Weiterbildungs- und Förderungsprogramme sollen den Nachschub an neuen Talenten und die Qualität der Mitarbeiter sicherstellen.

Fehler passieren

Dass das kreative Gestalten nicht immer ohne Fehlentscheidungen funktionieren kann, ist selbstverständlich. Dr. Materna und an de Meulen sind souverän genug, neben den Tops auch zu den Flops zu stehen. Denn in einem inhabergeführten Unternehmen sind nicht alle Entscheidungen strategisch. Oft ist es auch der sprichwörtliche „Riecher“ für ein gutes Geschäft. Das kann gut ausgehen – wie im Falle SMS: „Da hatten wir 1998 bis 2000 einen unglaublichen Boom“, so Dr. Materna. An de Meulen ergänzt: „Wir haben Mitte der 90er-Jahre Dienste für die Mobilfunk-Netzbetreiber aufgebaut, um Kurznachrichten von einem Netz ins andere zu übergeben. Damit haben wir Umsätze erzielt, die einmalig sind. Die Netzbetreiber hatten völlig unterschätzt, welche Bedeutung das Medium SMS annehmen würde.“ Strategisch war diese Entscheidung nicht, wie an de Meulen einräumt. Nur der Einstieg in die Mobilfunkwelt wurde so getroffen. Der Volltreffer SMS war einer glücklichen Hand zur rechten Zeit geschuldet.

Ganz anders hingegen die zu Beginn der 90er begonnene Hardware-Entwicklung. Hier wollte MATERNA in den Wettbewerb zu IBM treten – ein kühnes Unterfangen. Es wurden Anwendungsspezifische Integrierte Schaltungen (ASICs) konstruiert. Den Versuch, mit einem kleinen Team dem Branchenriesen Konkurrenz zu machen, mussten die Unternehmer mit viel Lehrgeld bezahlen. Auch das Ziel, den Mobilfunk-Endkunden zu bedienen, war zumindest mittelfristig nicht von Erfolg gekrönt. „Man macht natürlich Fehler“, gibt Dr. Materna offen zu. „Das zieht sich durch die gesamte Firmengeschichte.“

Ausgleich schaffen

Diese pragmatische Sicht ist typisch für die Unternehmensgründer. Trotz der hohen Arbeitsbelastung, die mit der Lenkung eines 1.300-Mitarbeiter-Unternehmens verbunden ist, schaffen an de Meulen und Dr. Materna es, sich auch Zeit für Freizeit und soziales Engagement zu nehmen. „In der Regel kann ich mich darauf verlassen, dass die Dinge, die meine Mitarbeiter für mich aufbereiten, gut vorbereitet sind. Wenn man kein Vertrauen in seine Mitarbeiter setzt, ist man ständig im Stress“, bringt Dr. Materna seinen Ansatz auf Helmut an de Meulenden Punkt. So ist es möglich, trotz der großen Verantwortung auch immer wieder neue Menschen und Standpunkte kennen zu lernen. Dr. Materna, neben vielen anderen Ehrenämtern auch acht Jahre lang Präsident der IHK zu Dortmund, sieht im sozialen Engagement auch eine Pflicht: „Ich versuche, ein Stück dieses Erfolges, den wir hatten, an die Gesellschaft zurück fließen zu lassen. Es macht aber auch Spaß, weil es den Horizont erweitert.“ An de Meulen, unter anderem Vorstand des Fördervereins der Fachhochschule Dortmund, sieht das ebenso: „Mein eigenes Studium wurde durch die Stiftung des Deutschen Volkes gefördert. Da sollte man schon ein wenig zurückgeben, in dem man Studiengänge und Eliten fördert.“

Um alles unter einen Hut zu bringen, braucht es ein gehöriges Maß an Disziplin und Zeit-Management. Man muss zudem willens sein, auch Dinge parallel zu tun. „Ich fahre gerne Rennrad, auch lange Strecken bis zu 200 Kilometer. Es kann dabei vorkommen, dass ich eben auch mal geschäftliche Telefonate beim Rad fahren erledige. Man fährt dann zwar nicht so schnell und konzentriert, aber man kann auch Sport und Arbeit in gewissem Maße mit einander verbinden“, so an de Meulen. Dr. Materna ergänzt: „Es ist ja auch nicht alles Mühsal. Vieles gerade bei den Ehrenämtern ist eine Kombination aus Freizeitgestaltung, Hobby und Interessenerweiterung. Ich möchte nicht alles als Arbeit definieren.“ Man dürfe auch nicht vergessen, dass mit diesen Ämtern einige Privilegien verbunden seien als Kompensat für die eingebrachte Zeit. Die Work-Life-Balance wird dabei erleichtert durch das Interesse an technischen Fragen und neuen Medien, in dem sich Hobby und Beruf kreuzen. Und auch durch regelmäßigen Sport. Beide Geschäftsführer bevorzugen Sportarten, die an der frischen Luft ausgeübt werden können, wie Tennis oder Golf. Das Fazit Dr. Maternas: „Ich würde nicht sagen, dass ich unter der Last zusammenbreche. Man braucht eben Zeit-Management und eine ausgewogene Mischung aus Beruf, Engagement für die Gesellschaft im weitesten Sinne und privaten Interessen.“ Und für weniger wichtiges bleibe auch mal keine Zeit, wie an de Meulen ergänzt. Statt abends lange fern zu sehen, steht eher das Sichten von Unterlagen an oder das Aufarbeiten von E-Mails.

Wachstum aus eigener Kraft

Die Erfolgsgeschichte von MATERNA ist untrennbar mit den beiden Gründern verbunden. Und diese haben noch einiges vor. Dr. Materna und an de Meulen sehen noch deutliches Potenzial für die Zukunft. „Im Bereich Mobilfunk ist es schwer zu wachsen“, so an de Meulen. „Wir möchten unser Know-how deswegen ausdehnen, etwa in den Bereich des E-Commerce.“ Angefangenen hat dieses Segment mit dem Verkauf digitaler Güter. Hier betreibt MATERNA unter anderem für Sony eine Plattform für Musik-Downloads. „Die CD hat heute keine große Bedeutung mehr. Und in zehn Jahren werden die meisten verkauften Bücher E-Books sein“, so an de Meulen. „Bei den digitalen Gütern sind wir sehr stark, weil wir wissen, wie man verkauft.“ Hier deckt MATERNA den größten Teil der Wertschöpfungskette von Payment über Kreditwürdigkeitsprüfung bis zur Auslieferung ab. Gemeinsam mit einem Partner wendet sich das Unternehmen nun den physischen Gütern in der Modebranche zu. An de Meulen stellt aber klar: „Wir werden keine Logistik machen, man wird keine MATERNA-LKWs auf der Autobahn sehen.“ Er verspricht sich einiges von der Wachstumsbranche Mode.

Dr. Materna nimmt sich ebenfalls Abläufe zum Ziel. „Zukünftig werden wir uns noch intensiver mit Geschäftsprozessen, deren Analyse und Automatisierung beschäftigen müssen. Die Werkzeuge hierzu sind bereits weitgehend standardisiert. Neben der Produktinnovation spielt zukünftig die Innovation von Prozessen bei der Steigerung der Wertschöpfung eine zentrale Rolle bei Unternehmen und Verwaltungen.“ Flexible Prozesse erlauben es Unternehmen, schneller auf veränderte Markterfordernisse zu reagieren.

Das große gemeinsame Ziel ist, die Unabhängigkeit des Unternehmens auch für die kommenden 30 Jahre zu bewahren. „Wir haben keine Pläne für einen Börsengang“, so Dr. Materna und an de Meulen unisono. Die GmbH soll wie bisher aus eigener Kraft weiter wachsen, stellt Dr. Materna klar. „Mir ist wichtig, dass die Firma im Kern erhalten bleibt und weiterhin profitabel wächst. Ich gehe davon aus, dass die Welt zunehmend komplex wird. Das ist unser Glück. Sonst brauchte man uns nicht. Solange wir unseren Kunden einen Mehrwert bieten können in dieser komplexen Welt, sind wir gefragt und werden auch am Markt existieren.“


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